Multitasking – Fluch oder Segen

Du beginnst, diesen Artikel zu lesen, als plötzlich Dein Telefon klingelt. Während Du weiter langsam nach unten scrollst, erzählt Dein Freund von aufregenden Neuigkeiten. Als er Dich fragt, ob Du überhaupt zuhörst, ertönt ein Signalton – zwei neue Emails. Gleich nachschauen. Da fällt Dir ein, dass Du in 10 Minuten ja eigentlich schon zum Essen verabredet bist und morgen früh auch noch eine Präsentation halten sollst… Kommt Dir das bekannt vor?

In der heutigen Zeit ist ein solches Szenario gar nicht so unwahrscheinlich. Wer alles im Griff haben will, muss eben ein guter Multitasker sein, oder? Multitasking bedeutet, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen und dabei ein Großteil der Zeit zu sparen. Aber sind wir überhaupt in der Lage, uns um verschiedene Aufgaben auf einmal zu kümmern?

Multitasking ist nichts anderes als ein schnelles Hin- und Herwechseln zwischen einzelnen Aufgaben.

Die Antwort lautet leider Nein. Denn das Gehirn kann nicht zwei Dinge parallel erfassen, sondern immer nur eine Sache zurzeit verarbeiten. Multitasking ist also eigentlich nichts anderes als ein schnelles Hin- und Herwechseln zwischen einzelnen Aufgaben. Dieser Wechsel zwischen unterschiedlichen Aufgaben kostet jedes Mal ein bisschen Zeit.

Teste diese Aussage einmal mit folgendem Selbstversuch. Im Beispiel sind zwei Mal sechzehn einfache Rechenaufgaben zu lösen (ja, die sind wirklich einfach!). Einmal wechselt die Rechenart nach jeder Aufgabe, anschließend gibt es zwei Blöcke mit je acht Aufgaben der gleichen Rechenart hintereinander.

Nimm Dir eine Uhr mit Sekundenanzeige und stoppe für beide Reihen jeweils die Zeit, die Du für das Lösen der Aufgabenreihen benötigst. Schreibe die Lösungen auf einen Zettel, damit keine Aufgaben überspringst. Und jetzt gehts los…. Mathe aus der Grundschule:

1. Aufgabenreihe 2. Aufgabenreihe
9 x 4 2 x 5
81 : 9 8 x 8
7 x 7 6 x 9
42 : 6 5 x 7
8 x 7 7 x 4
21: 3 8 x 3
9 x 5 4 x 3
45 : 9 6 x 7
3 x 9 63 : 9
28 : 4 32 : 4
5 x 4 27 : 3
12 : 6 15 : 3
2 x 8 56 : 7
36 : 6 25 : 5
5 x 8 28 : 7
24 : 3 72 : 8

Du wirst festgestellt haben, dass Du mit der zweiten Aufgabenreihe wesentlich schneller fertig geworden bist. Bedenke dabei, dass in diesem Beispiel ein paar Sekunden weniger schon leicht über 10 Prozent Zeitunterschied ausmachen! Die erste Zahlenreihe hat das Multitasking simuliert, weil Dein Gehirn ständig zwischen den beiden Rechenarten umschalten musste. Die zweite Reihe entspricht in etwa dem konzentrierten Arbeiten an nur einer Sache zurzeit.

Hinweis: Solltest Du dennoch bei der ersten Reihe doch schneller gewesen sein, überprüfe zunächst, ob Du auch überall die richtigen Ergebnisse hast. Ist das der Fall, bist Du wahrscheinlich beim kleinen 1×1 so gut, dass die Rechenart für Dich keinen Unterschied macht, weil Du die Aufgaben unterbewusst löst. In den Kommentaren findest Du noch einen Link zu einer anderen Aufgabenstellung…

Multitasking ist also nicht effizient, oder?

Das Ergebnis des Selbsttests lautet also, dass Multitasking nicht so effizient ist wie das konzentrierte Arbeiten an nur einer Sache. Und das ist wegen des nötigen Hin- und Herwechselns auch nur logisch.

Multitasking Zeitmanagement Produktivität

Foto: alphaspirit / Bigstock.com

Allerdings ist dieser Test auch nur bedingt aussagekräftig. Denn Du könntest auch gut argumentieren, dass Du mehr Zeit sparst, wenn Du z.B. Aufräumen und Telefonieren gleichzeitig erledigst, als beides hintereinander zu machen.

Es geht um Qualität

Aber diese vermeintliche Zeitersparnis hat ihren Preis. Die Qualität und die Tiefe, mit der Du Aufgaben durchdringst, lassen sehr stark nach. Langfristig kannst Du also in keinem Bereich Spitzenleistungen erbringen, weil Du nie den so genannten Flow-Zustand erreichst (Was ist der optimale Leistungszustand?). Die Qualität Deiner Erholungsphasen leidet ebenso. Dein Kopf kann nie ganz abschalten, weil Dir ständig neue Gedanken durch den Kopf gehen. Das Argument der Zeitersparnis ist also nur eine Illusion.

Versuche deshalb in Zukunft bewusst, Multitasking zu vermeiden. Konzentriere Dich wirklich nur auf eine Sache zurzeit. Trenne die Internetverbindung, schalte Dein Mobiltelefon aus und reduziere alle anderen möglichen Störungen. So wirst Du nämlich langfristig mehr Zeit sparen und kurzfristig die Qualität Deiner Arbeit um ein Vielfaches steigern.

Zu dieser “Kein-Multitasking-Politik” gibt es allerdings auch eine Ausnahme: Denn wenn wir eine Sache so verinnerlicht haben, dass sie kognitiv keine Leistung mehr erfordert, können wir eine weitere Aufgabe gleichzeitig erledigen. Denn dann gibt es keinen Wechsel zwischen den Aufgaben mehr und Du kannst Dich voll auf die zweite Aufgabe konzentrieren.

Du musst zum Beispiel nicht mehr nachdenken, wenn Du jeden Tag die gleiche Strecke joggst.

Warum wir trotzdem fleißige Multitasker sind

Unterbewusst weiß wahrscheinlich jeder, dass ein Szenario wie ganz oben im ersten Absatz beschrieben zumindest auf Dauer nicht funktionieren kann. Trotzdem nimmt das Multitasking bei uns eher zu. Das hat vor allem drei Ursachen:

Sich bewusst gegen Multitasking zu entscheiden, ist ganz schön schwer.

Zum einen sind wir oft von unseren unglaublichen Multitasking-Fähigkeiten so überzeugt, dass wir nicht erkennen wie schlecht wir darin wirklich sind. Dieses Problem betrifft vor allem Frauen, weil sie besonders von den Medien immer wieder also hervorragende Multitasker gelobt werden. Wer hört so etwas nicht gerne? Gleichzeitig hat jemand, der scheinbar sehr viele Dinge gleichzeitig organisiert, in der Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert. Multitasking ist also als ein erstrebenswertes Ideal anerkannt.

Zum anderen erscheint ein Leben ohne ständige Stimulation (TV, Computer, Internet, Smartphone, Konsole etc.) als langweilig. Es muss immer etwas passieren. Sich nur auf eine Sache auf einmal zu konzentrieren, ist in der Spaßgesellschaft ebenso kein erstrebenswertes Ideal.

Schließlich setzt uns der technische Fortschritt immer mehr Störquellen aus. Gab es früher am Arbeitsplatz nur ein Telefon, so sorgen jetzt internetfähige Smartphones, Computer, Laptops und Tablet PCs dafür, dass wir ständig zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herschalten.

Sich bewusst gegen Multitasking zu entscheiden, ist also ganz schön schwer und auch der Grund, warum wir uns davon selten lösen können. Aber die positiven Folgen rechtfertigen alle Anstrengungen in diese Richtung auf jeden Fall! Trainiere deshalb immer wieder, Deine Gedanken nur auf eine Sache zu fokussieren.

4 Kommentare

  • Vielleicht lag es ja an den Aufgaben?
    Jedenfalls war ich bei der Multitasking-Variante um 5 Sekunden schneller als bei der Block-Variante.
    Oder kann ich nun daraus schließen,
    dass ich besser im Multitasking-Modus arbeite?

  • Hallo starter,
    vielleicht ist das Beispiel nicht ganz optimal. Ich habe vor Kurzem noch einmal nach besseren Beispielen gesucht und bin auf dieses Beispiel gestoßen: http://www.clarkeching.com/2007/09/multi-tasking-e.html
    Vielleicht probierst Du das auch noch mal aus?

  • Hallo Leute,

    ich habe die „beyourbest“ Seite neu entdeckt und bin begeistert!
    Ich bin noch neu und kann noch keine Erfolge berichten, aber ich fühle mich schon besser (Versagens Ängste sind nicht 100%, sondern nur noch 90% und das nur noch einem Tag dieser Seite :-)) ). Eine Frage habe ich doch. Wie ist es mit Musik hören beim LERNEN (hören nebenbei und lernen= Multitasking)

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