Wie Du so gut in einer Sache wirst, dass Du zu den Besten gehörst

Wir haben uns zuletzt gefragt, unter welchen Voraussetzungen wir vollkommen in einer Sache aufgehen können und so unser Leben mit mehr Leidenschaft leben können. Herausgekommen sind drei Eigenschaften, die uns eine Aufgabe mit mehr Begeisterung verfolgen lassen: Kreativität, Nützlichkeit und Kontrolle. Doch meistens erfordert das, was wir täglich tun, nur selten unsere volle Kreativität; wir haben nicht ausreichend Kontrolle über unsere eigenen Entscheidungen und oft erscheinen unsere Aufgaben nicht besonders nützlich.

Was kannst Du also tun, um einem leidenschaftlichen Leben ein Stück näher zu kommen?

Die Lösung, die wir Dir vorschlagen lautet: Vergiss die Suche nach Deiner wahren Leidenschaft und konzentriere Dich stattdessen auf das Besserwerden – egal was Du tust! Denn je besser Du wirst, desto mehr Platz nehmen Kreativität, Nützlichkeit und Kontrolle in Deinem Leben ein.

Mach den Test! Denk an einen Menschen, der richtig viel Spaß an seiner Arbeit oder einem seiner Hobbies hat. Mit Sicherheit ist er richtig gut in dem, was er tut, oder?

Wie Du richtig gut wirst

Foto: Phil Roeder / flickr.com

Wir fangen alle unten an

Umgekehrt bedeutet das auch, dass eine Aufgabe am Anfang nie Deine volle Leidenschaft entfachen wird. Wir fangen alle unten an. Ohne Erfahrung, ohne viel Wissen und ohne richtig ernst genommen zu werden.

Als ich auf BeYourBest die ersten Artikel vor fast acht Jahren veröffentlicht habe, wollte sie zuerst niemand lesen. Die wenigen Besucher haben mich gefragt, was mich qualifizieren würde, über Erfolg zu schreiben. Aber auch wenn es manchmal schwer war: Ich habe mich nicht entmutigen lassen und weitergeschrieben. Heute mit jahrelanger Erfahrung, einem Doktortitel in der Tasche und weit über 3000 Newsletter-Abonnenten sind die Kritiker von damals still geworden.

Was die Qualität meiner ersten Artikel anbelangt, hatten sie aber mit Sicherheit Recht. Es waren meine ersten Versuche, meine Gedanken und mein Wissen zum Thema Erfolg zu Papier zu bringen. Dass es für mich noch einiges zu lernen gab, ist vollkommen klar. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Mit jedem neuen Artikel versuche ich, mich zu steigern. Ich möchte klarer formulieren, eine gute Mischung aus Theorie und Praxis vermitteln und Dich von Deinem eigenen Potential überzeugen.

Diesen Weg von unten nach oben müssen wir alle gehen, wenn wir erfolgreich sein wollen. Doch wie sieht dieser Weg nach oben eigentlich in der Praxis aus?

Wie wird man besser? Reicht es, einfach nur genügend Zeit in etwas zu investieren? Oder müssen wir noch weitere Schritte unternehmen, um immer weiter über uns hinauszuwachsen?

Die 10.000-Stunden-Regel

Vielleicht hast Du schon einmal von der 10.000-Stunden-Regel gehört, die auf den amerikanischen Autor Malcolm Gladwell zurückgeht. Die Regel besagt, dass Du 10.000 Stunden in eine Fähigkeit investieren musst, bevor Du so gut darin bist, dass Du zu den Besten gehörst. Wenn Du also ein Konzertpianist, ein Profisportler oder ein erfolgreicher Unternehmer werden willst, stehen zwischen Dir und dem Ziel nach dieser Regel 10.000 Stunden Übung.

Aber Achtung: Die Regel beruht zwar auf wissenschaftlichen Erkenntnissen (dazu gleich mehr), lässt sich aber nicht ohne Weiteres auf alle Fähigkeiten übertragen. Der Psychologe Anders Ericsson, auf dessen Forschungsergebnisse sich Gladwell bezieht, sagt, dass es eine solch allgemeine Regel für Spitzenleistungen gar nicht gibt:

„Malcolm Gladwell hat die 10.000-Stunden-Regel erfunden und behauptet‚ Forscher sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es eine magische Zahl für wahre Expertise gibt: zehntausend Stunden. Gladwell hat unsere Untersuchung über professionelle Musiker allerdings nur für seine eigene provokative Verallgemeinerung zu dieser magischen Zahl genutzt.“[1]

Auch wenn Ericsson die 10.000-Stunden-Regel in dieser Allgemeinheit überhaupt nicht gefällt, ist an ihr etwas Wahres dran: Du kannst nur richtig gut in einer Sache werden, wenn Du auch viel Zeit in den Aufbau Deiner Fähigkeiten steckst. Wenn Du zum Beispiel ein hervorragender Autor oder Sportler werden willst, führt kein Weg an vielen Stunden Training vorbei.

Was macht den Unterschied zwischen Amateur und Profi?

Begonnen hat alles in Berlin vor über 20 Jahren. Der eben zitierte Anders Ericsson hat Musikstudenten der Berliner Universität der Künste mit dem Schwerpunkt Violine in drei verschiedene Gruppen unterteilt: Die besten Violinisten, denen eine internationale Karriere in den besten Orchestern vorhergesagt wurde, die guten Violinisten, die später als Teil kleinerer Orchester spielen würden, und schließlich die Musiklehrer, deren Fähigkeiten nicht ausreichten, um alleine mit der Musik Geld zu verdienen.[2]

Ericsson und sein Team haben alle diese Studienteilnehmer mehrfach befragt, ihren Lebenslauf analysiert und genau verfolgt, wie sie ihren Tag verbringen. Außerdem haben alle Studenten Tagebücher geführt, so dass für die anschließende Auswertung sehr viele Daten zur Verfügung standen. Die Studienergebnisse von Ericsson wurden von anderen Wissenschaftlern inzwischen über 5000 (!) Mal zitiert.

Was hat Ericsson bahnbrechendes herausgefunden?

Unsere erste Vermutung wäre, dass die besten Violinisten am meisten Stunden mit dem Geigenspielen verbringen. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Zwar haben die Musiklehrer nur etwa 9 Stunden in der Woche mit dem privaten Üben verbracht, zwischen den guten und besten Violinisten bestand allerdings kein Unterscheid: Beide Gruppen haben in der Woche durchschnittlich 24 Stunden privat geübt.

Uebungsstunden

Wir können an dieser Stelle allerdings als erstes Ergebnis festhalten, dass die guten und die besten Violinisten im Vergleich zu den Musiklehrern fast drei Mal so viel mit dem Üben verbracht haben.

Aber was unterscheidet die guten von den besten Violinisten?

Auf den ersten Blick können wir zwischen den guten und den besten Violinisten keine Unterschiede feststellen: Sie haben in etwa gleich viel geübt, sich gleich viel ausgeruht und sich zu den gleichen Zeiten am Tag ihrer Geige gewidmet (eine intensive Einheit am Vormittag, eine am Nachmittag). Erst als Ericsson die Biografien der beiden besten Gruppen miteinander verglich, konnte er kleine Abweichungen erkennen.

Die besten Violinisten hatten vorher schon deutlich mehr Zeit mit dem Üben verbracht als die guten Violinisten. Bis zum Beginn des Studiums, als die Teilnehmer etwa 20 Jahre alt waren, hatten die besten Violinisten im Schnitt bereits 10.000 Stunden, die guten Violinisten aber nur etwa 7.000 Stunden mit dem Üben verbracht. Es ist diese Erkenntnis, die Gladwell zu seiner 10.000-Stunden-Regel verleitet hat.

10000stunden

Aber die Stunden allein sind nicht der entscheidende Faktor. Es handelt sich dabei nur um einen Durchschnitt. Laut Ericsson haben einige der besten Violinisten auch deutlich weniger als 10.000 Stunden mit dem Üben verbracht.

Was also hat den entscheidenden Unterschied gemacht?

Es ist nicht die reine Zeit allein, die den Abstand zwischen den guten und den besten Violinisten erklären kann. Den Ausschlag gibt, wie sie ihre Übungsstunden verbringen.

Wenn Du selbst ein Instrument spielst, Sport treibst, für eine Klausur lernst oder im Job an einem wichtigen Projekt arbeitest, ist Dir das sofort klar. Du erzielst vollkommen andere Ergebnisse je nachdem, ob Du einfach nur eine Stunde lustlos übst oder voll und ganz auf das Üben fixiert bist.

Es macht mit anderen Worten einen ganz großen Unterschied, ob Du Dich mit einer Geige hinsetzt und blind „drauflos“ spielst oder Dir vorher genau überlegst, was Du üben willst, und das mit voller Konzentration während der gesamten Übungszeit immer wieder probierst.

Und das ist das zweite Ergebnis von Ericssons Studie: Viel Üben allein reicht nicht aus. Du musst konzentriert und zielorientiert die Verbesserung Deiner Fähigkeiten trainieren. Ericsson nennt diese Art des Übens „Deliberate Practice“ (bewusstes Üben).

Lass uns kurz festhalten, was wir bisher wissen:

  1. Wenn Du in einer Sache richtig gut werden willst, führt kein Weg an vielen Übungsstunden vorbei.
  2. Es gibt aber keine magische Zahl. Die Anzahl der Übungsstunden ist in jedem Bereich anders (dazu gleich noch mehr).
  3. Am Ende zählen nicht die nackten Zahlen, sondern was genau und wie intensiv Du in Deinen Trainingsstunden geübt hast.

Für wen „Deliberate Practice“ besonders interessant ist

Deliberate Practice erfordert Deine vollste Konzentration. Mit Sicherheit hast Du schon selbst die Erfahrung gemacht, wie anstrengend und ermüdend es ist, wenn Du Deine Bequemlichkeitszone verlässt und Dich mit einer neuen Aufgabe herausforderst. Das liegt daran, dass Du nicht irgendwie trainierst, sondern sehr intensiv und mit einem Plan.

Um bei dem Beispiel der Violinisten zu bleiben: Wenn sie ein neues Stück einüben oder sogar nur besonders schwierige Passagen immer wieder spielen, strengt das stark an. Spielen sie dagegen Noten, die sie schon sehr gut beherrschen, fordern sie sich nicht groß heraus und üben auch nicht so, dass wir es Deliberate Practice nennen würden.

Ich wage die Behauptung, dass Du wahrscheinlich in sehr vielen Bereichen Deines Lebens schon lange nicht mehr intensiv und bewusst eine neue Fähigkeit geübt hast. Denn abgesehen vom Sport, der Musik und wenigen anderen Bereichen machen sich die wenigsten Menschen ernsthaft Gedanken darüber, wie sie intensiv trainieren können. Das liegt vor allem daran, dass es keine richtige Trainingskultur gibt und nicht total offensichtlich ist, wie und was genau Du trainieren musst.

Wenn Du erfolgreich verkaufen, einen Bestseller schreiben oder Comedian werden willst, fehlen ausgeklügelte Trainingspläne und meist auch ein gut ausgebildeter Trainer, der Dir zeigt, wie Du richtig üben kannst. Vielleicht gibt es ein paar Bücher oder Coaches, aber kein seit Jahren durchdachtes und entwickeltes System.

Und das kann Dein Vorteil sein!

Denn das bedeutet, dass sich fast niemand ernsthaft Gedanken darüber macht, wie man mit intensivem Training besser wird. Wenn Du dagegen verschiedene Dinge ausprobierst und Ideen entwickelst, wie Du Dich immer wieder neu herausfordern und die wichtigsten Fähigkeiten lernen kannst, wirst Du viel schneller nach oben kommen.

Es ist also in vielen Bereichen leichter, die Spitze zu erreichen, weil dort fast niemand intensiv trainiert! Du musst dann auch nicht 10.000 Stunden, sondern vielleicht nur 5.000 Stunden intensiv trainieren, um richtig gut zu werden. Dafür ist ein bisschen Experimentierfreude erforderlich, weil Du in gewisser Weise Neuland betrittst. Aber das wird sich langfristig auszahlen.

Deliberate Practice – Drei schnelle Tipps

Wenn Du bis hierher gelesen hast und Dich jetzt fragst, wie Du das „Deliberate Practice“-Konzept in Deinem Leben genau umsetzen kannst, haben wir hier ein paar schnelle Tipps:

  1. Intensives Training ist nur möglich, wenn Du etwas tust, das über Dein jetziges Können bewusst hinausgeht. Wenn Du sofort alles kannst, machst Du etwas falsch und entwickelst Dich nicht weiter.
  2. Konzentriere Dich als erstes (wieder) auf die Grundlagen. Was ist wirklich wichtig und wie kannst Du es bewusst trainieren?
  3. Fang langsam an: Brich diese Grundlagen in ihre einzelnen Bestandteile herunter und übe diese so langsam und intensiv wie möglich.

Im Artikel „Deliberate Practice in der Praxis“ liest Du in aller Ausführlichkeit und mit vielen Beispielen, wie die obigen Tipps in der Praxis aussehen. Klick Dich also gleich weiter!


11 Kommentare

  • Vielen Dank für den Artikel! Jetzt bin ich gespannt auf den nächsten. Eine Frage zum Begriff „Grundlagen“: Sind damit die Grundlagen der jeweiligen „Disziplin“, in der man sehr gut werden will, gemeint? Also das, was man in der Regel bereits beherrscht, wie meinetwegen beim Zeichnen die richtige Anwendung der Perspektive?
    Beim Verkaufen wäre das wohl offen und freundlich zu sein und beim Schreiben, Atmosphäre aufzubauen und Interesse am Weiterlesen zu schaffen. Ist das mit Grundlagen gemeint? Bin wie immer ganz Feuer und Flamme hier! Danke.

    • Ja, genau so ist es gemeint und Deine Beispiele treffen es sehr gut. Beim Schreiben könnte es zum Beispiel auch helfen, immer wieder kurze Geschichten zu schreiben, um die Struktur einer Geschichte zu verinnerlichen. Mehr dann im nächsten Artikel.

  • Ich lese den Blog hier inzwischen längere Zeit. Bin aber dennoch jedes mal erstaunt was für extrem geile Artikel hier erscheinen.

    Vielen Dank auch für diesen Artikel der mir mal wieder eine neue Perspektive aufgezeigt hat.

    Gruß
    Mr.Chris

  • Ich habe deine Artikel jetzt schon etwa ein Jahr abonniert und finde, dass ich nun endlich mal loswerden muss, wie viele geschlossene Augen du mir geöffnet hast. Vielen Dank für erhellende und motivierende Stunden! LG Rk

  • Es sind diese tollen Kommentare, warum ich in einen solchen Artikel fast 15 Stunden Arbeit reinstecke. Danke, dass ihr Euch die Zeit genommen habt, kurz etwas zu schreiben.

  • Hallo Sven_Alexander,

    ich danke dir für diesen richtungsweisenden Artikel. Da ich z. Zt. mehr Baustellen habe, als mir lieb ist und ich sehnsüchtig auf eine Woche Urlaub warte (kenne ich sonst nicht), kann ich jetzt aufatmen. Ich konzentriere mich jetzt wieder auf das Wesentliche. Ist schon toll – gestern ein Vortrag gehört von Bruder Paulus (Über Werteorientierung) und heute dieser Artikel und schon geht es wieder nach vorne.

    Danke
    Dietmar

  • Hallo,
    wollte gerne das „Ziele-Package“ downloaden, funktioniert leider nicht. Bekomme ich u. U. eine andere download-Adresse?
    Danke!
    Wolfgang

  • Super Beitrag, und klasse erklärt! Deliberate Practice ist top, um wirklich besser zu werden. Aber es ist auch schwer durchzuhalten. Man muss seine Komfortzone immer wieder verlassen, Fehler riskieren um daraus zu lernen und kritisch reflektieren. Auch wenn man weiß, dass es dadurch Fortschritte gibt, ist es psychologisch nicht einfach umzusetzen – zumindest geht es mir so. Vielleicht könnt ihr dazu ein paar Taktiken vorstellen, wie man den Prozess mit einem positiven State of Mind durchhalten kann?

    • Ich fand deinen Kommentar interessant – was ich immer mache:

      – Parallel positives Denken üben, um durch das negative Feedback nicht in Limiting Beliefs zu geraten, etwas „ginge nicht“

      vor allem aber:

      – die neuen Sachen mit jemand anderem gemeinsam ausprobieren. Da kann man viel besser gemeinsam kreativ sinnieren, UND man erträgt eventuelles negatives Feedback auch viel viel besser weil es der Person neben einem fast immer genauso ergeht. Daher bezieht man es automatisch nicht mehr negativ auf sich.

  • Hi Sven-Alexander,
    sehr gut erklärt. Mir war zwar nicht bewusst, dass es einen eigenen Begriff für die Qualität des Übens gibt, aber der Prozess als solches ist mir aus eigener Erfahrung bekannt. Ich bin selbst (Hobby-)Musiker und kann unterschreiben, dass 3 Stunden üben am Tag wenig wert ist, wenn man dabei den Fernseher laufen lässt und nur unbewusst irgendwelche Skalen rauf und runterflitzt. In der halben Stunde, in der man bewusst übt, improvisiert und an nichts anderes denkt, macht man die entscheidenden Fortschritte.
    Gruß Tim

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